Als Zeitzeugen bezeichnet man eine Person, die einen historischen Vorgang selbst miterlebt hat.

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Sicht der Geschichtswissenschaft

Die Geschichtswissenschaft sieht Zeitzeugen als eine Art von historischen Quellen an, die ebenso kritisch wie andere Quellen und nur im Zusammenhang mit anderen Quellen auszuwerten sind. Eine bestimmte Methode, die Oral History, betont die Bedeutung gerade von weniger prominenten Zeitzeugen.

Die Glaubwürdigkeit eines Zeitzeugen ist – wie bei Zeugen allgemein – abhängig von der zeitlichen und räumlichen Nähe vom Vorgang (unmittelbare Anwesenheit am Tatort oder nur vermittelte Kenntnis), von seinem sachlichen Verständnis des Vorgangs (z. B. bei juristischen Verhandlungen) und vom Interesse an einer bestimmten Interpretation des Vorgangs.

Aussagen, die dem Interesse des Zeitzeugen widersprechen, sind eher glaubwürdig als solche, die das eigene Interesse legitimieren. So sind positive Aussagen über einen Gegner eher glaubwürdig, ebenso wie negative über einen Freund.

Geschichtsdidaktik und "Zeitzeugenkreise"

Man kann das Wissen der Zeitzeugen auch geschichtsdidaktisch nutzen, z. B. indem sie in Schulklassen über unmittelbar Erlebtes berichten oder für Studienarbeiten in Interviews zu offenen Fragen Stellung nehmen. Manche Schüler finden es leichter und spannender, einen Menschen aus seinem Leben erzählen zu hören, anstatt Texte zu lesen.

Man kann auch einen Kreis von Zeitzeugen gründen, der sich regelmäßig trifft. Zu einem Themenschwerpunkt, wie z. B. Flucht und Vertreibung, Bombardierung, Schulzeit tragen die Zeitzeugen ihre Berichte vor, diese werden diskutiert, aufgeschrieben und anschließend für Interessierte veröffentlicht, vorgelesen, erzählt (Erzählcafe) oder im Internet publiziert. Durch die Veröffentlichung ergeben sich vielfältige Kontakte zu Schulen, Hochschulen sowie Interviewanfragen, Schilderungen im Radio oder Fernsehen.

Kritik

Lutz Niethammer und Harald Welzer haben auf die Schwierigkeiten der Methode mündlicher autobiografischer Erzählungen für die historische Rekonstruktion besonders hingewiesen. Das Selbstbild älterer Zeitzeugen beeinflusst die Erinnerung so stark, dass sie objektiv Falsches selbst glauben. Zeitzeugen nutzen die Kommunikationsmöglichkeit eines Gespräches gerne für Nebenabsichten aus, geschickte Zeitzeugen bauen ihren einstudierten Text zu einer Botschaft für die Späteren um. Sowohl ehemalige KZ-Häftlinge als auch Weltkriegsteilnehmer müssen sehr kritisch wahrgenommen werden. Vor allem Schüler sind damit häufig überfordert, gerade weil der „authentische“ Zeuge sie besonders beeindruckt.

Literatur

  • Rolf Italiaander (Hrsg.): Wir erlebten das Ende der Weimarer Republik. Zeitgenossen berichten. Droste, Düsseldorf 1982, ISBN 3-7700-0609-7 (Fotografierte Zeitgeschichte).
  • Alfred Neven DuMont (Hrsg.): Jahrgang 1926/27. Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz. DuMont Buchverlag, Köln 2007, ISBN 978-3-8321-8059-1.
  • Ralph Erbar, Werner Ostendorf: Zeugen der Zeit. Anregungen für Zeitzeugengespräche in Unterricht und Jugendarbeit. Pädagisches Zentrum Rheinland-Pfalz, Bad Kreuznach 2006 (PZ-Information. Geschichte, Gesellschaftslehre/Sozialkunde, Grundschule/Sekundarstufe I und II. 2/2006, ISSN 0938-748X).
  • Marc J. Philipp: „Hitler ist tot, aber ich lebe noch“. Zeitzeugenerinnerungen an den Nationalsozialismus. be.bra wissenschaft-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-937233-60-4.

Siehe auch

Weblinks